Freitag, 18. Januar 2013

Für Aussteiger


Vier Netzwerke in NRW bieten Beratung zum Thema Rechtsextremismus: für Opfer rassistischer Gewalt, Aussteiger, Eltern und andere

 

Infokarte des MIK bietet alle Kontaktdaten auf einen Blick


Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung löst die rechtsextremistische Szene bei sehr unterschiedlichen Personengruppen aus. Für Gewaltopfer gilt das in besonderer Weise, aber auch für Aussteiger aus der Szene und für Eltern, deren Kinder in rechten Kreisen aktiv sind. Vier Netzwerke in Nordrhein-Westfalen bieten Beratung zum Thema Rechtsextremismus für unterschiedliche Zielgruppen. Das MIK hat jetzt eine Infokarte ergänzt und neu aufgelegt: Sie liefert die wichtigsten Kontaktdaten auf einen Blick.
Karte Beratung in Nordrhein-Westfalen zum Thema Rechtsextremismus
Karte Beratung in Nordrhein-Westfalen zum Thema Rechtsextremismus
Mike ist 14, als sein Weg in die rechtsextremistische Szene beginnt. Trennung der Eltern, Umzug in eine andere Stadt, in der neuen Schule fasst er nicht Fuß. Einige ältere Schüler gehören einer "rechten" Clique an - "Komm mal vorbei", sagt einer, "...abhängen ... Musik hören". In den Liedern geht es darum, dass "das System" die "Volksgemeinschaft der Deutschen" zerstört. Mit den "Kameraden" fährt Mike zu Konzerten und Demonstrationen. Dass "Kampf" gegen "das System" auch Gewalt bedeutet, erlebt er häufig. Irgendwann durchsucht die Polizei die Wohnung seiner Mutter - Mike spürt, dass sein Verhalten Konsequenzen haben wird. Zweifel gesteht er sich kaum ein, nach außen ist er fest vom Kampf für "Volk und Vaterland" überzeugt. Doch er will raus aus dieser Szene.

Schutz und Hilfe in solchen Situationen bietet das Aussteigerprogramm Nordrhein-Westfalen. Ausstieg bedeutet für viele vor allem Angst: Angst vor den ehemaligen "Kameraden" und vor der ungewissen Zeit danach. Zur Unterstützung durch das Aussteigerprogramm können Gespräche mit der Familie, mit Arbeitgebern, Staatsanwaltschaften und Bewährungshelfern zählen, häufig auch Suchttherapien. Seit Kurzem ist auch eine Aussteigerbetreuerin im Programm tätig, um den Bedürfnissen von Aussteigerinnen gezielter Rechnung zu tragen. Bisher verstand sich das Programm als Hilfsangebot für Ausstiegswillige, die von sich aus Unterstützung suchen. Mithilfe der Staatsschutzdienststellen und der Justizvollzugsanstalten unternehmen die Aussteigerbetreuerin und -betreuer jetzt auch direkte Ansprachen von Personen, die ausstiegswillig sein könnten. Dieser Ansatz wird zurzeit erprobt.

Auch für Eltern von Jugendlichen wie Mike ist die Situation zum Verzweifeln - zur Angst, das Kind zu verlieren, treten Schuld- und Versagensgefühle. Die meisten Eltern sind ratlos, wie sie auf die Provokationen des Kindes reagieren sollen. Hinzu kommen offene oder versteckte Vorwürfe im Umfeld: Verbreitet - und häufig falsch - ist die Annahme, den rechten Umtrieben des Sohns oder der Tochter müssten entsprechende Botschaften im Elternhaus zugrunde liegen. Zum Netzwerk "Beratung von Eltern und Bezugspersonen rechtsextrem orientierter Jugendlicher" gehören Fachkräfte in allen Regionen Nordrhein-Westfalens. Sie helfen einzuschätzen, in welchem Maße der Jugendliche in rechtsextremistische Kreise eingebunden ist und welche Reaktionen sinnvoll sind. Das Netzwerk berät auch Lehrerinnen und Lehrer.

Wenn Rechtsextremisten vor Ort aktiv sind, bieten die fünf Mobilen Beratungsteams in NRW Unterstützung für Kommunen oder zivilgesellschaftliche Kräfte. Das gilt zum Beispiel dann, wenn Aktivisten im Umfeld von Schulen Flugblätter verteilen und gezielt Jugendliche ansprechen, wenn sie Räume anmieten oder kaufen möchten, wenn in einem Stadtviertel oder Dorf immer wieder rechtsextremistische Aufkleber, Plakate und Schmierereien auftauchen. Ein Team der Mobilen Beratung gibt es in jedem Regierungsbezirk. Die Teams suchen die Ratsuchenden vor Ort auf und entwickeln mit ihnen Konzepte, welche Maßnahmen sie ergreifen können.

Im Zuge einer rechtsextremistischen "Karriere" - wie der von Mike - spielt fast immer Gewalt eine Rolle. Sie ist fester Bestandteil der Gedankenwelten und Aktionsformen vor allem der neonazistischen Szene und umso mehr der "Autonomen Nationalisten". Die Bandbreite reicht von der Einschüchterung, Beleidigung, Bedrohung bis zum offenen Angriff auf politische Gegner und andere Menschen, die zum Feindbild werden. Die Opferberatungsstelle 'Back Up' in Dortmund (für den Raum Westfalen) und die 'Opferberatung Rheinland' wurden 2011 bzw. 2012 eingerichtet und sind die jüngsten Beratungsangebote zum Thema Rechtsextremismus in NRW. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Beratungsstellen hören zu, beraten in juristischen Fragen und begleiten auf Wunsch auch zur Polizei.

Mit diesen vier landesweiten Netzwerken steht in Nordrhein-Westfalen ein breitgefächertes Beratungsangebot zum Thema Rechtsextremismus zur Verfügung. Die Angebote sind bei unterschiedlichen Stellen angesiedelt und werden von verschiedenen Seiten unterstützt. Hierzu zählen das Ministerium für Inneres und Kommunales NRW, das Jugendministerium und die Landeszentrale für politische Bildung. Träger der Opferberatung, der Elternberatung und der Mobilen Beratung sind zivilgesellschaftliche Organisationen, die von Land und Bund gefördert werden. So vielfältig die Angebote, so sehr verfolgen sie gemeinsame Ziele: Sie stärken die demokratische Kultur in NRW und unterstützen die Betroffenen vor Ort.

Zivilgesellschaftliche Träger der Beratungsangebote


Elternberatung
  • Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen, IDA-NRW (Düsseldorf): www.ida-nrw.de

Mobile Beratung

Opferberatung